
ERNSTALBRECHT STIEBLER komponierte seine Musik für einige vertraute Musiker:innen, mit denen er in regem Austausch stand und reduzierte seit Mitte der 1960er Jahre wenige Klänge zu noch weniger. Er destillierte so das für seine Arbeit Wesentliche: Höraufforderungen, immer neue Formulierungen der Vorstellung eines inneren Hörraumes, den er zu betreten einlädt. Dabei wendet sich Stiebler in gelassener Intensität dem einzelnen Ton zu, der Schwankung, einem Intervall, und lässt eine Musik entstehen, die fremd scheint und dabei einen unbekannten Raum wahrnehmbar macht. Emotionale Projektionen lässt seine Musik nicht entstehen. In einem Gespräch formulierte er:
Music is too important to be burdened with emotions.
Und so sind seine Stücke meist Abfolgen ruhiger, bei aller Freiheit, äußerst präzise gesetzter Schritte ins Offene. Mit dem Mittel der Wiederholung sind sie unaufhörliche Vergegenwärtigungen des Hier und Jetzt. Stiebler beschritt einen Weg, der in der westlichen Neuen Musik seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu singulär ist, verwandt mit Komponisten seiner Generation wie Christian Wolff, James Tenney oder La Monte Young. Er ging mit seiner Kunst beharrlich und fundiert einen Weg, auf dem ihm eine jüngere Generation von Musiker:innen, Komponist:innen und Hörer:innen entgegenkommt.
2024 haben wir das Festival EA:90 zum 90. Geburtstag von Ernstalbrecht Stiebler durchgeführt. Das Festival wurde im Wesentlichen von Musiker:innen gestaltet, die Stiebler sehr nahe standen und seine Musik über viele Jahre, zum Teil seit den 1990er Jahren, mit ihm erarbeitet haben.
Leider hat Ernstalbrecht Stiebler dem Festival nicht beiwohnen können und ist wenige Wochen später gestorben. In seinem Nachlass befinden sich noch nicht aufgeführte Werke, die Stiebler Musiker:innen aus dem Kreis des Festivals gewidmet hatte und an denen er auch mit ihnen bereits gearbeitet hatte und die einen zentraler Baustein des Konzerts bilden.
Die Lange Nacht für EA verbindet Musik und Film. Im Konzert gibt es oben genannte Uraufführungen, zwei wichtige Werke aus den Achtziger Jahren sowie ein langes Werk für Cello und Delay. Im Anschluss wird der Film Zeile für Zeile über Ernstalbrecht Stiebler gezeigt.
Die Lange Nacht für EA findet am 2. Todestag statt und wurde von Hauke Harder und Tilman Kanitz kuratiert.